Von "Petrograd" bis "Riga" - Die Geschichte der Yuccas in Europa

erschienen in der KuaS vom Mai 1998 (Heft 5/Jg.49)
Autor: Rüdiger Mattern

Die Gattung der Yuccas umfaßt etwa 40 Arten, die zu den Agavengewächsen gerechnet werden. Angeblich fanden diese Arten bereits im 17. Jahrhundert von den Prärien des Mississippi-Missouri-Gebietes Eingang in die mitteleuropäischen Gärten.
Die ganz große Zeit der Yuccas begann Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit immer neuen Kreuzungen und Züchtungen. Neben ihrer Schönheit sind einige Arten und Sorten überaus frosthart, so daß sich die botanischen und fürstlichen Gärten vor allem der baltischen und nordischen Staaten mit diesen herrlichen Exoten sehr stark befaßten. Überall wurde zu jener Zeit gezüchtet, gekreuzt und immer neue Versuche angestellt. In den deutschen dendrologischen Mitteilungen berichteten viele Autoren über ausgezeichnet frostharte Arten und vor allem über die Sprenger'schen Hybriden. Der Deutsche Carl Sprenger konnte zu Anfang dieses Jahrhunderts in der biologischen Versuchsanstalt in Neapel einige hundert neue Yucca-Sämlinge züchten. Er mußte aber im ersten Weltkrieg Italien und somit auch seine Pflanzenschätze verlassen. Erst etwa dreißig Jahre später nahm Karl Förster in Bornim diese Arbeit wieder auf.

Ein überaus kompakter Blütenstand mit unzähligen Einzelblüten: Yucca gloriosa als prachtvoller Blickfang im Garten.


Der ungarische Biologe Istvan Graf Ambrozy Migazzi bedauerte 1931 im internationalen Dendrologenreport den Verlust dieser vielen herrlichen Yucca-Hybriden. Dabei handelte es sich nicht nur um Kreuzungen mit Yucca filamentosa, sondern es waren auch Yucca glauca, flaccida, gloriosa und recurvifolia verwendet worden. Es waren Sorten mit den Namen wie"Gotland", "Petrograd", "St. Petersburg", "Riga" oder "Karlsruhensis" weit verbreitet. Damals entstanden auch die Sorten Yucca recurvifolia "Rheintal", "Lothringen" und "Schwarzwald". Nach mündlichen Überlieferungen soll Carl Sprenger über einhundert absolut schönblütige und frostharte Yuccas gezüchtet und weltweit verbreitet haben. Auch in Südamerika wurden Yuccas angesiedelt und wuchern heute in Argentinien um die Hauptstadt Buenos Aires, in Cordoba und in Bariloche. In Chile wachsen Yuccas vom Tiefland in Valdivia bis hoch in die Schneeregionen und eine eigene kleine Population wächst an den Geröllhängen um Cochabamba in Bolivien.

 



 

Die am häufigsten bei uns zu findende Yucca filamentosa. Diese Pflanze wurde aus Samen gezogen und bildet einen mehr als zwei Meter hohen Blütenstand aus

Hier bei uns in Europa breitete sich Yucca aloifolia, auch "das spanische Bajonett" genannt, rund um das Mittelmeer und auch an der afrikanischen Küste aus. In England sind beinahe alle bekannten Yucca-Arten zu finden und bei uns in Mitteleuropa begann sich nach der ganz großen Palmlilienzeit nach dem zweiten Weltkrieg eine gewisse Stagnation anzukündigen. Im Jahre 1924 hatten die von der IG-Farben betriebenen Yucca-Kulturen in Baden, Bayern, Hessen und Sachsen schon etwa zwei Millionen Pflanzen erreicht. Bis 1926 waren allein beim Deutschen Patentamt 16 Patente auf Yucca-Basis angemeldet worden. Die damals für die Industrie angebauten Yuccapflanzen im bayrischen Gäuboden und Behringersdorf bei Nürnberg waren auf sandigen Böden eine äußerst interessante Variante. Für die notleidende Landwirtschaft war dies geradezu ein Geschenk des Himmels. Die damals dort angebauten Arten und Sorten hatten selbst beim Jahrhundertwinter 1928/29 nicht gelitten oder gar Blattschäden bekommen. Über die Frosthärte der einzelnen Yucca-Arten werden bis zu minus 30 Grad berichtet. Die Pflanzen sollen extreme Minustemperaturen in Skandinavien, den baltischen Ländern, in Rußland, der Hohen Tatra oder auch im Bayerischen Wald und dem Hochschwarzwald ohne Schäden überstanden haben. Das Deutsche Gärtnerblatt schreibt schon 1875 über die eigenwilligen frostharten Exoten.

Wahrscheinlich haben sich die an die Yucca geknüpften wirtschaftlichen Erfolgserwartungen der Yuccafasern, -gewebe, -gespinste, -seile oder bindemittel nicht erfüllt. Anders ist es nicht zu erklären, daß die Yuccas langsam wieder zurückgingen. In den Jahren von 1930 bis zum Ende des zweiten Weltkrieges versuchte man nochmals in Oberstedten im Taunus die Yucca als Faserlieferant für Jute und Bast auf hektargroßen Anbauflächen aufzuforsten, was schließlich aber wieder im Sande verlief.

Kleine Stämmchen bildet im Laufe der Zeit Yucca recurvifolia aus.

In vielen Hausgärten findet man Yuccas, die schon seit mehreren Generationen die Besitzer dank ihrer exotischen Schönheit erfreuen. Meist handelt es sich hier um Yucca filamentosa, eine stammlose Art, die sehr gute Eigenschaften aufweist. Es gibt einfach keine andere Pflanze mit so guten Voraussetzungen wie die Yucca. Trotzdem verschwanden ohne ersichtlichen Grund immer mehr Arten und Sorten. In den Listen der Staudengärtnereien fanden sich noch nach dem zweiten Weltkrieg überaus viele Arten und Sorten. Doch wenn man heute versucht solche Pflanzen zu bekommen - Fehlanzeige. Die Sorten "Schwarzwald", "Bohemia", "Rheintal" oder "Nürnberg", "Bergkristall" und "Bayerwald" mit leicht bläulichem Glanz der weißen Blüten, früher noch in jedem Bauerngarten zu Hause, sind nicht mehr auffindbar. Selbst von den Bornimer Züchtungen des Altmeisters Karl Förster aus der Nachkriegszeit sind nur noch wenige Sorten verfügbar. Warum eigentlich ? Es gibt keine Erklärung dafür.

Sollte der eine oder andere Leser doch noch Pflanzen von den erwähnten Züchtungen in seinem Garten haben oder entsprechende Bezugsquellen kennen, würde ich mich über eine kurze Nachricht sehr freuen.